Beim Blindenskilauf übernimmt ein Guide die Funktion des Sehens für den blinden Skifahrer. Durch klare Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen werden sie zu einem harmonischen Team, das sicher die Piste befahren kann. Technik, klare Kennzeichnung und vor allem das unsichtbare Band zwischen ihnen sind entscheidend.
Alexander-Technik und ganzheitliches Sehtraining: Eine gute Verbindung
Die Alexander-Technik (benannt nach ihrem Erfinder, dem Australier Frederick Matthias Alexander (1869 – 1955) beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Körperhaltung, Bewegung, Spannung und bewusster Steuerung der Gedanken. Ihr Ziel ist es, hinderliche Bewegungs- und Denkmuster aufzulösen und eine leichtere, bewusstere Nutzung des Körpers zu ermöglichen. Diese Prinzipien lassen sich direkt in das Sehtraining integrieren.
Das heutige Sehtraining geht zu großen Teilen auf den New Yorker Augenarzt Dr. William H. Bates (1860 – 1931) zurück. Wesentliche Kernpunkte seiner Lehre sind die Augenentspannung, die Kräftigung der Augenmuskeln und die Rückführung seiner Klienten zu unangestrengtem und natürlichem Sehen.
Beide Methoden haben eine lange Tradition und können sich gegenseitig unterstützen:
- Ganzheitlicher Ansatz: Sowohl die Alexander-Technik als auch das Sehtraining betrachten den Menschen als Ganzes – als psycho-physische Einheit. Im Fokus sind demnach nicht nur die Augen oder einzelne Körperteile, sondern das gesamte Zusammenspiel von Bewegung, Wahrnehmung, Gedanken und Entspannung. Sehen entsteht im Gehirn und ist ein tiefgreifendes Element der Persönlichkeit, ebenso wie die Persönlichkeitsgestaltung sich tiefgreifend auf das Sehen auswirkt. Alle diese Prozesse finden ihren Ausdruck auch auf der allgemeinen körperlichen Ebene und der allgemeinen körperlichen Selbstorganisation.
- Haltung und Spannung: Übermäßige muskuläre Anspannung im Nacken und Rücken beeinflusst die Sehfunktion, da sie die Beweglichkeit des Kopfes und damit die Augenkoordination, sowie die Versorgung der Augen mit Nährstoffen einschränkt. Mit Hilfe der Alexander-Technik können Klienten lernen ihre Anspannungen bewusst zu erkennen, zu lokalisieren und loszulassen.
- Bewusstheit für Gewohnheiten: Wie bei der Blickführung sind auch Körperhaltungen und Denkmuster meist unbewusste Gewohnheiten, die sich über Jahre verfestigt haben. Ein Beispiel: Jemand arbeitet im Büro und leidet an Verspannungen und trockenen Augen. Unterschwellig und unbewusst hat die Person den Glaubenssatz: „Ich muss einen „guten Job“ machen und das ist anstrengend.“ Dies findet den körperlichen Ausdruck in erhöhter Muskelanspannung und einem angestrengten Gesichtsausdruck – und das über Jahre… Die Person gebraucht ihren Körper also nicht der eigentlichen Tätigkeit angemessen, sondern mit zuviel Anspannung. Durch konkrete Anleitung zur Selbstwahrnehmung schafft die Alexander-Technik die Möglichkeit zur selbstbetimmten Veränderung ungünstiger Gewohnheiten.
- Mentale Steuerung: Die Alexander-Technik zeigt, dass unsere Gedanken direkten Einfluss auf unsere körperliche Spannung haben. Stress, Leistungsdruck und negative Denkmuster führen zu Anspannung, die sich auf die gesamte Körperhaltung und damit auch auf die Sehfähigkeit auswirkt. Die bewusste hilfreiche Steuerung von Gedanken hilft, Spannungsmuster zu durchbrechen und negative Denkgewohnheiten aufzulösen. Dies hat wiederum auch unmittelbaren Einfluss auf unsere psychischen Spannungsmuster.
- Die Augen als Fenster zum Gehirn: Die Art, wie wir die Welt sehen, wird nicht nur von unseren Augen, sondern auch von unserer inneren Haltung beeinflusst. Klares Sehen erfolgt zu etwa 80 % durch das Gehirn. Die Augen sind eng mit dem zentralen Nervensystem verbunden und spiegeln oft unseren mentalen und körperlichen Zustand wider. Eine entspannte, bewusste Körper- und Geisteshaltung unterstützt daher nicht nur die Augenmuskulatur, sondern auch die visuelle Verarbeitung im Gehirn.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Methoden liegt in der Arbeitsweise: Alexander-Technik-Lehrer begleiten ihre Schüler oft durch Hands-on-Arbeit, also sanfte Berührungen, um körperliche Spannungsmuster direkt erfahrbar zu machen und das Loslassen zu erleichtern. Sehtrainer hingegen arbeiten stärker mit gezielten Übungen, die den Körper lockern, die Augenbeweglichkeit verbessern und die Polaritäten des Sehens fördern sollen.
Fazit
Die Alexander-Technik bietet eine wertvolle Ergänzung für Sehtrainer und deren Klienten. Sie hilft:
- Spannungsmuster zu erkennen
- die Selbstwahrnehmung zu schulen
- und bewusste mentale Steuerung in den Alltag zu integrieren
Das sind drei zentrale Aspekte, die auch im Sehtraining eine Schlüsselrolle spielen.
Interessierte finden Alexander-Technik Lehrer in ihrer Umgebung z.B. beim Alexander-Technik Institut, den deutschen Berufsverbänden Alexander-Technik Deutschland e.V. (ATD) und Alexander-Technik-Verband-Deutschland e.V. (ATVD), sowie dem internationalen Berufsverband Alexander Technique International (ATI).
https://www.alexander-technik-deutschland.org
Der Artikel gibt die Meinung der Verfasserin oder des Verfassers wieder. Er ersetzt keine ärztliche Diagnose.

Sehtrainer und Sehtherapeuten finden
Sie finden auf der Website des Vereins Gesundes Sehen www.verein-gesundes-sehen.de auch geeignete Sehtherapeuten und Sehtrainer in Ihrer Region.
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Arthur Marten Skeffington (1890 – 1976) – Die Entwicklung des Sehens nach Skeffington
Skeffington identifizierte vier Entwicklungsschritte in der Sehentwicklung von Kindern, eng verbunden mit Persönlichkeits- und Gehirnentwicklung. In den 1950er Jahren präsentierte er sein Modell der “Vier Kreise” zur Beschreibung der visuellen Verarbeitung. Sehen ist ein vielseitiger Prozess, beeinflusst von Psyche und Umwelt.
Wer war Dr. William H. Bates?
Dr. William H. Bates war ein Augenarzt im New York vor über 100 Jahren. Er zweifelte an gängigen Theorien und entwickelte Übungen zur Sehverbesserung anstelle von Brillen. Seine Methoden, wie das Palmieren und Lichtbaden, basierten auf Entspannung und wurden weit verbreitet. Er veröffentlichte das Buch “Rechtes Sehen ohne Brille” und die Zeitschrift “Better Eyesight”.